Umm Kulthum (1898 - 3.2.1975, ägyptische Sängerin)

Als sich der Vorhang zu ihrem letzten Konzert hob, empfing das Publikum sie mit einem 30-minütigen Applaudieren und Rufen: “O Stern der Sterne!” Schon die Einleitung ihres Liedes “Liebe der Nacht” musste sie zweimal wiederholen. Als sie nach 45 Minuten die erste Strophe beendet bereits einmal wiederholt hatte, verlangte das Publikum noch eine Zugabe. Der Komponist und Orchesterchef meinte: “Bei Gott, etwas Schöneres gibt es nicht.” Als der Vortrag zu Ende war, raste die Menge.

Umm Kulthum, ein einfaches Mädchen vom Lande, machte eine einzigartige Karriere: sie wurde zur reichsten und bekanntesten Sängerin der arabischen Welt. Vor allem aber ist es ihr Verdienst, die anspruchsvolle klassische arabische Dichtung durch ihren Gesang ins Volk getragen zu haben, wofür sie von der ganzen arabischen Welt verehrt und geliebt wird.

Umm Kulthum 2

Für die Tochter einer armen Familie war es nicht selbstverständlich, dass der Vater, ein Imam an der Dorfmoschee, ihr den Besuch einer Koranschule ermöglichte. Sein geringes Gehalt besserte er als Sänger religiöser Lieder bei festlichen Veranstaltungen auf. Er unterrichtete nicht nur Umm Kulthums Bruder, sondern auch sie selbst im Gesang. Im Alter von etwa neun Jahren begann ihre Laufbahn als Sängerin religiöser Lieder. Zunächst trat sie mit Vater und Bruder in Provinzorten auf. Dabei trug sie Jungenkleidung, da der Auftritt eines Mädchens bei religiösen Festen undenkbar gewesen wäre.

Zu ihrem kometenhaften Aufstieg in Kairo in den 20er Jahren trugen die neuen Medien bei. Als 1934 der ägyptische Rundfunk zu senden begann, war Umm Kulthum die erste arabische Künstlerin, die über Kurzwelle öffentlich auftrat. 30 Jahre lang hatte sie jeden Donnerstag ihren festen Programmplatz und wurde in allen arabischen Ländern gehört.

Ab 1952, unter Nasser, erhielten ihre Lieder und Rundfunksendungen eine neue Dimension. Mit ihrer Radiosendung gelang ihr, worum arabische Politiker sich vor und nach ihr vergeblich bemühten: die AraberInnen von Ost bis West in ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Das einigende Element waren ihre Lieder, mit denen sie die Menschen verzauberte. “Der Stern des Orients” erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Orden.

Als sie am 3. Februar 1975 starb, trauerte die gesamte arabische Welt. Ihr wurde ein Staatsbegräbnis zuteil, das sonst nur wenigen hohen Politikern vorbehalten ist. Noch heute werden ihre Lieder gern gehört und gespielt. (G. Yildiz / I. Balcik)

Buchtipp zu Umm Kulthum: Stern des Orients. Von Selim Nassib, 1999.




Dein Kommentar