Erinnerungen, die Mut machen

Hab keine Angst. Erinnerungen*
von Zahide Özkan-Rashed
BoD 2014, 192 Seiten, Paperback Euro 9,90, E-Book Euro 4,49
ISBN 978-3-7357-8130-7

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Wie ist das, als „Gastarbeiterkind” in Deutschland aufzuwachsen? Zahide Özkan-Rashed verarbeitet in ihrem kürzlich erschienenen Buch die Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Deutschland. Sie schildert am Beispiel der fiktiven Person Feride, der Hauptperson im Buch, wie sie gegen viele Widerstände ihren eigenen Weg gegangen ist. Und das sehr erfolgreich. Zahide Özkan-Rashed, die als Kleinkind aus der Türkei nach Deutschland kam, ist heute promovierte Ärztin und lebt mit ihrer Familie in Frankfurt. Ihr Schwanken zwischen zwei Welten ist zu einem erfüllten Leben mit zwei Kulturen geworden.

Zahide Özkan-Rasheds Lebenslauf macht Mut. Das sorgfältig lektorierte Buch mahnt zur Versöhnung und liefert ein gutes Vorbild für junge Menschen, die hin- und hergerissen sind zwischen den unterschiedlichsten Anforderungen. Hab keine Angst! Das Buch öffnet unter anderem die Augen der Alteingesessenen für die Ängste der neu in Deutschland Ankommenden. Die wichtigste Botschaft hinter dem Titel aber lautet: Es gibt einen Weg, deinen Weg, und den darfst du gehen.

Wir freuen uns sehr, dass sich die Autorin Zeit für ein Gespräch mit uns genommen und einige Fragen beantwortet hat.

Zahide Özkan-Rashed
Dr. med. Zahide Özkan-Rashed

1. Du bist von Beruf Ärztin. Was hat dich dazu bewogen, ein Buch zu schreiben?

Schreiben war für mich ein wichtiges Ausdrucksmittel schon früh in der Schule. Während das spontane Reden mir schwerfiel, denn dafür fehlten mir Ruhe und Schlagfertigkeit, entdeckte ich das Schreiben als Chance, mich gedanklich zu sammeln, zu sortieren, Fragen für mich zu beantworten, meinen Standpunkt zu bestimmten Themen zu finden und sogar mehr oder weniger auf diese Weise Probleme für mich zu lösen.

2. Was bedeutet der Titel, wer hat Angst vor wem?

Der Titel gibt eine spontane Äußerung von mir als vierjähriges Mädchen gegenüber meinem neugeborenen Bruder wieder. Als dieser nämlich auf meine freudigen Begrüßungsworte hin anfing zu weinen, tröstete ich ihn mit den Worten: „Hab keine Angst, ich bin nicht deutsch!”

3. Wie viel Feride steckt in Zahide?

Wenn ich ehrlich bin, ziemlich viel. Aber man bedenke: Es geht nur um die ersten 27 Jahre meines Lebens. Die darauffolgenden Jahre haben mich weiter verändert.
Schon im Buch wird deutlich, wie ich die innere Sperre in mir aufzuheben begann. Dieser Prozess ist weitergegangen, begünstigt durch den beruflich bedingten Kontakt mit so vielen Menschen. Bei der Begegnung mit anderen sehe ich nicht den Türken oder Nicht-Türken, nicht den Christ oder Muslim, sondern schlicht und einfach einen Menschen, meinen „Mitmenschen”, gleichwertig nach beiden Seiten. Das heißt, weder fühle ich mich – zumindest bewusst – anderen unterlegen, noch stelle ich mich über andere.

4. Würdest du bei der Ausbildungs-/Berufswahl etwas ganz anders machen, wenn du heute noch einmal die Wahl hättest?

Nein, ich glaube nicht. Die Berufswahl würde wieder auf Medizin fallen. Aber ich würde es vielleicht anders durchziehen, die Prioritäten anders legen. Vor allem, was man heute unter „Work-Life-Balance” subsumiert, nämlich sich genügend Zeit für Außerberufliches zu nehmen, klar zu trennen zwischen Beruf und Privatleben, darauf würde ich mehr achten. Es hat lange gedauert, bis ich das einigermaßen konnte. Versäumtes nachholen ist schwierig und nicht immer möglich.
 
5. Möchtest du jungen Menschen etwas mit auf den Weg geben, die heute in Deutschland aufwachsen, deren familiäre und kulturelle Wurzeln aber in einem anderen Land liegen?

Fühlt euch zuhause da, wo ihr gerade seid, und lebt bewusst mit all euren Sinnen.
Ihr müsst eure „alten” Wurzeln, sprich: die familiär vermittelten traditionellen Elemente, nicht aufgeben, sofern diese mit eurem Leben in Deutschland vereinbar sind. Meist wandeln sich diese etwas oder auch stärker ab, was – wie ihr wisst – in den Ursprungsländern der Eltern oder Großeltern sogar noch schneller vonstattengeht.
Aber ebenso sind eure „neuen” Verbindungen und Gewohnheiten ein wichtiger Teil von euch.
Zugegeben: Es entsteht etwas Neues und es sind „Lücken” auf beiden Seiten, diese werden aber durch andere Vorzüge gefüllt und sogar erweitert.

6. Könntest du dir vorstellen, ein weiteres Buch zu schreiben?

Ja. Ich habe sogar eine Art Essay-Sammlung, Artikel, die ich als Antwort auf aktuell diskutierte Themen oder zur eigenen Klärung für mich und Freunde geschrieben hatte. Diese sind durch die persönlichen Inhalte des jetzigen Buchs zurückgedrängt worden.
Aber auch gewissermaßen eine Fortsetzung des ersten Buches könnte ich mir vorstellen. Wo stehe ich heute? Haben sich meine Erwartungen erfüllt? Wie hat mich das Leben verändert?
Ich wünschte mir, ich hätte mehr Zeit fürs Schreiben. 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg!

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