Mädchen oder Jungen

Über Afghanistan ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Die schwedische Journalistin Jenny Nordberg beleuchtet mit ihrem Buch Afghanistans verborgene Töchter: Wenn Mädchen als Söhne aufwachsen* (Hoffmann und Campe Verlag, 2015, 432 S., gebunden Euro 22) einen in Europa wenig bekannten afganischen Brauch: Bis zur Pubertät wachsen einige Mädchen in Jungenkleidung auf und mit Regeln und Freiheiten, die sonst nur für Jungen gelten. Besonders interessant daran ist, dass nicht unbedingt die Rebellion gegen eine strikte Geschlechterordnung hinter diesem verbreiteten Brauch steckt. Im Gegenteil ist er oft Ausdruck einer Bewahrung traditioneller gesellschaftlicher Normen: Der Wunsch einer Familie nach einem männlichen Kind, einem Sohn, ist so groß, dass die Verkleidung eines Mädchens als Junge im "Notfall", also wenn kein Junge geboren wird, als akzeptabler gilt als eine Familie, die nur Töchter hat. Nur ein Sohn sorgt für Ansehen und Wohlstand, nur ein Sohn bringt der Familie Glück und gibt als Erbe den Familienbesitz weiter. 

Jenny Nordberg hat sich mit vielen Menschen in Afghanistan unterhalten und vielen verborgenen Töchtern nachgespürt. Ihr Buch gibt einen gut recherchierten Einblick in die Gesellschaft eines Landes, das vielen rätselhaft und fremd erscheint.

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Frauen, die Männerkleidung tragen, um zum Beispiel auf Reisen gesellschaftliche Konventionen überschreiten zu können, kennen wir zum Beispielauch in Europa. Lange bevor der Begriff Cross-Dressing für das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts geprägt wurde, gab es Menschen, die sich anders verhielten, als ungeschriebene gesellschaftliche Regeln es von ihnen erwarteten. Seit dem 19. Jahrhundert verstanden viele Frauen das teilweise bis weit ins 20. Jahrhundert hinein für Frauen unübliche Tragen von Hosen als Zeichen der Emanzipation. In der Regel waren es erwachsene Frauen, die bewusst gegen gesellschaftliche Traditionen auflehnten. Ob es auch in Europa vorkam, dass eine Tochter von ihren Eltern bewusst als Junge ausgegeben wurde, damit ein männlicher Erbe präsentiert werden konnte?

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