Visumspflicht für Schwiegermama

Neulich wollte uns meine Schwiegermutter besuchen. Das ist nicht ungewöhnlich, Omi möchte gerne einmal die Enkelchen sehen. Selbst Elizabeth, so liest man in den einschlägigen Gazetten, soll ein Faible für Enkel Harry haben. Was Königs recht ist, kann uns nur billig sein, so dachten wir ganz naiv.

Wenn, ja wenn zwischen meiner Schwiegermutter und uns nicht nur die mehr als 2000 Kilometer Entfernung lägen. Diese Kilometer zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu bewältigen, sollte keine unüberwindbaren Schwierigkeiten mehr aufwerfen, so sollte man meinen.

Aber nicht nur die Kilometer liegen zwischen uns, sondern auch die deutschen Behörden. Denn Omi hat einen türkischen Pass und benötigt für ihren Enkelbesuch ein Visum. Es muss eben alles seine schöne deutsche Ordnung haben, denken wir, und machen uns wohlgemut ans Ausfüllen der Papierstapel. Es reicht nicht, dass wir, das sind Sohn, Schwiegertochter und drei Enkel, Omi einladen.

Zu unserem Besten halten die fürsorglichen Behörden ihre schützende Hand über uns, damit Schwiegermama nicht plötzlich unangemeldet ins Haus schneit. Nicht auszudenken, wenn sie sich erst durch fallen gelassene Rucksäcke und Jacken ihren Weg ins Wohnzimmer bahnen müsste, Zeitungsstapel von den Sesseln räumen müsste, um sich setzen zu können, kaum aus den Fensterscheiben gucken könnte, weil die wegen der vielen Abdrücke fettiger Kinderhände fast blind sind.

Die sorgfältig ausgeklügelte Arbeitsweise deutscher Ämter sorgt dafür, dass ausreichend Zeit bleibt, den Besen zu schwingen und den lange geplanten Großputz endlich in die Tat umzusetzen. Die Kinder maulen, Mutter schimpft, Vater füllt geduldig Formulare aus: ja, wir können Schwiegermami ernähren (Wirklich? Sah sie nicht nach dem letzten Besuch ganz abgemagert aus?), ja, wir haben ausreichend Wohnraum zur Verfügung (Wird also schon wieder nichts draus, ihr einfach ein Eckchen in der Besenkammer freizuräumen!) und so weiter. Viele Fragen und Formulare später gibt die Ausländerbehörde schweren Herzens die Einladung weiter.

Nun ist Schwiegermami gefragt. Sie darf sich nämlich nun zu einem der drei deutschen Konsulate in der Türkei aufmachen und dort stundenlang Schlange stehen, ein wahres Vergnügen für eine siebzigjährige Frau. Falls sie endlich drankommen sollte, darf sie den netten deutschen Behördenmenschen ganz viel Papier unter die Nase halten: ja, sie hat genügend Wohnraum in der Türkei, ja, sie hat eine regelmäßige Rente in der Türkei et cetera p.p. Hoffentlich hat sie kein Papier vergessen, sonst darf sie sich am nächsten Tag wieder frühmorgens in die Schlange einreihen.

Falls doch die Formulare endlich vollständig abgegeben und alle Gebühren an die fürsorglichen Behörden gezahlt sind, beginnt das große Warten.

Als Schwiegermutter das erste Mal nach Deutschland reisen wollte, um ihren ersten Enkel in die Arme zu schließen, wurde das Visum Wochen nach dem Zeitraum erteilt, für den es beantragt war. In der Zwischenzeit hatten wir längst das Baby geschnappt und waren selbst in die Türkei geflogen.

Und diesmal? Die Überprüfung aller Angaben hat ergeben, dass wir Omi bei ihrem Besuch doch nicht angemessen unterhalten können. Die Zweifel nagen an uns: Wir hätten ihr beim letzten Besuch wohl doch mehr Brot geben müssen? Ist die Kücheneinrichtung nicht neu genug oder das Auto zu alt? Oder liegt einfach zu viel Staub in den Regalen? Uns selbst war noch gar nicht klar, dass es uns so schlecht geht, denn wir beziehen weder Sozialhilfe noch Arbeitslosengeld.

Wie gut, dass die Behörden uns auf die Sprünge geholfen haben. Wir bemitleiden nur unsere Nachbarn mit deutscher Omi aufs heftigste: der Familie bleibt nicht einmal eine kleine Verschnaufpause, um die Wohnung in einen Zustand zu versetzen, der Schwiegermamas Ansprüchen auch nur annähernd gerecht werden kann. Schlimmer noch: die arme Frau kommt einfach so ins Haus, ohne dass überwacht wird, in welch finsteren Winkel sie abgeschoben wird und wie der Tisch gedeckt wird.

Deshalb mein Appell an alle Schwiegertöchter: vereinigt euch und fordert Visumspflicht für alle Schwiegermütter!




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