Straßenszene in Rasht

Reisetagebuch Iran. Teil 1 bis Ankunft Rasht

Yunus Balcik (25) studiert Medizin. Im Jahr 2014 bereiste er einen Monat lang auf eigene Faust mit dem Rucksack den Iran. Über seine Reiseerlebnisse berichtet er in einer mehrteiligen Serie. 

Warum ausgerechnet in den Iran?

Wann genau ich den Wunsch entwickelte, in den Iran zu reisen, weiß ich nicht mehr. Allerdings weiß ich noch, dass seit meiner Kindheit ein großes, prachtvolles Buch mit Bildern voller Vasen, Miniaturen und Schriften auf unserem Wohnzimmerregal thronte. Der Titel, 7000 Jahre Kunst im Iran, bedeutete damals nicht viel für mich, da ich noch kein Konzept von Geschichte oder Kultur hatte. In den letzten Jahren fielen mir immer wieder iranische Bücher oder Filme auf, die meine Neugier weckten und mich über persische Literatur, die moderne Geschichte und Politik des Irans zu vielen Berichten von in den Iran gereisten Leuten führten, die ich begierig las. Sehr wenige Menschen, die ich persönlich auf anderen Reisen traf, konnten mir von ihren eigenen Erfahrungen im Iran berichten. Aber die wenigen, die ich kennenlernte, bestätigten mir ebenso wie Bekannte mit iranischen Wurzeln alle das positive Bild, das ich mir von diesem mysteriösem Land gemalt hatte.

Um meinem Wunsch näherzukommen, beantragte ich bereits ein Jahr vor dem Reisetermin einen türkischen Reisepass, da türkische Staatsbürger zu den wenigen gehören, die ohne Visum in den Iran einreisen dürfen. Deutsche Staatsangehörige erhalten normalerweise ohne größere Probleme ein Touristenvisum, allerdings meist über eine Reiseagentur und mit vielen bürokratischen Hürden und Bearbeitungsgebühren.
Nachdem ich endlich in einem Ferienjob das benötigte Geld für eine einmonatige Rucksacktour durch den Iran zusammengekratzt und mich monatelang im Internet vorzubereiten versucht hatte, buchte ich einen Flug in die Türkei und einen Rückflug aus Teheran. Der Grund, warum ich nicht einfach in Europa in ein Flugzeug steigen wollte, um im Iran auszusteigen, ist, dass ich langsam im Iran ankommen wollte. Ich wollte sehen, wie sich die Landschaft und die Leute verändern, wenn man aus der relativ offenen Türkei in den sagenumwobenen und verschlossenen Iran reist. Amerikaner zum Beispiel dürfen das Land nur in Reisegruppen betreten und sich während des gesamten Aufenthalts nicht von ihrem Touristenführer trennen. Noch dazu war ich trotz all meiner Recherchen bis zu meinem Grenzübertritt nicht ganz sicher, ob mein türkischer Pass wirklich ausreichen würde, um in den Iran einzureisen. Die wenigen Informationen, die ich zu diesem Thema fand, wirkten nicht sehr überzeugend auf mich, bestätigten jedoch alle, dass man als Türke weder eine Einladung eines iranischen Staatsbürgers noch eine Genehmigung oder sonstige Formalitäten benötigt, um die Grenze zu überqueren.

Kappadokien und die Suche nach einem Transportmittel

Das Ticket für den Zug, mit dem ich am liebsten von Ankara nach Tabriz gefahren wäre, ließ die Website der türkischen Bahn mich leider nicht buchen. Daher beschloss ich, ein paar Tage in Kappadokien zu verbringen, um mir die einzigartige Gegend anzuschauen und ein Zugticket zu kaufen. So stieg ich Anfang September 2014 in Kayseri aus der kleinen Maschine von Istanbul aus und bat einen Taxifahrer, mich zum Bahnhof zu fahren. Er war überrascht, dass ich Türkisch sprach, und umso überraschter, dass ich eigentlich auf dem Weg in den Iran war. Er kam mit mir an den Ticketverkaufsschalter und sah meinem Versuch, das Ticket zu kaufen, erstaunt zu. Mir wurde mitgeteilt, dass der Zug für die nächsten zwei Wochen ausgebucht sei, und ich stieg wütend zurück ins Taxi und ließ mich zum Busbahnhof fahren.

Spätabends kam ich mit dem Bus in Göreme an und konnte trotz der Dunkelheit überall die merkwürdig geformten Hügel und Berge sehen, für die Kappadokien so berühmt ist. Ich fand sofort ein Bett im Schlafsaal eines Hostels und bat am nächsten Morgen den Hostelbesitzer um Rat, wie ich am besten von hier nach Tabriz kommen könnte. Eine seiner Augenbrauen war das ganze Gespräch über hochgezogen, einerseits weil er mein Türkisch wohl amüsant fand und andererseits weil offenbar noch kein anderer Tourist, von denen er jedes Jahr wirklich viele sieht, diesen Plan gehabt hatte. Er lief mit mir zum Busbahnhof und wir fragten bei jeder Reisegesellschaft, ob ihre Busse in den Iran fuhren. Ohne Erfolg. Danach bot er mir achselzuckend an, den Mitarbeitercomputer zu benutzen, um nach Bussen aus anderen Städten zu suchen.

Zu dem Zeitpunkt fing die Suche an mich zu frustrieren, da ich natürlich schon aus Deutschland nach Alternativen zum Zug gesucht hatte. Aber jetzt wurde mir wirklich klar, dass jeder alternative Weg mindestens ein oder zwei sehr lange Busfahrten mit sich ziehen würde, oder einige kürzere und Zwischenstrecken mit Taxi oder per Anhalter. Die einzige Website mit konkreten Kontaktdaten war die eines Reiseveranstalters in Ankara. Der Hostelbesitzer rief für mich unter der Nummer an und gab mir kurz darauf das Telefon weiter mit den Worten, das Türkisch des Mannes am anderen Ende sei schlechter als meins. Ich versuchte dem mehr Azeri als Türkisch sprechendem Mann so klar wie möglich auszudrücken, an welchem Tag ich von Ankara nach Tabriz fahren wollte, und buchstabierte ihm meinen Namen, so gut wie man seinen Namen in einer anderen Sprache einem Menschen, der mit anderen Schriftzeichen aufgewachsen ist, buchstabieren kann. Drei weitere Tage verbrachte ich damit, zu Fuß und auf einem gemieteten Roller die interessante Landschaft zu erkunden und mich mit hauptsächlich australischen Touristen zu unterhalten. Am Tag meiner Abreise wurde ich ein letztes Mal, wie schon oft in den vorigen Monaten, von zwei Kanadierinnen gefragt, warum ich in den Iran reisen wollte. Ich klang wohl noch halbwegs überzeugend, als ich von der überaus reichen und vielfältigen Kultur und Geschichte, der Gastfreundlichkeit der Iraner und den vielen landschaftlichen und architektonischen Sehenswürdigkeiten schwärmte, denn innerlich fürchtete ich bereits, dass irgendwas mit meinem ominösen Busticket nicht stimmen würde und ich nach ein paar halbherzigen Versuchen mit öffentlichen Bussen irgendwo tief in Kurdistan vor der Grenze aufgeben und stattdessen einen Monat lang die Türkei bereisen und mein Rückflugticket umbuchen würde. Sie stimmten mir zu, dass dieses Land überaus interessant klinge, und wünschten mir Glück für meine Reise.

In Ankara angekommen, war ich entsetzt, an dem Abfahrtssteig kein Schild oder sonstige Hinweise zu dem Veranstalter zu finden, der mir geraten hatte, zwei Stunden vor Abfahrt an diesem Ort zu sein. Ich war sehr früh dran, also versuchte ich, im Inneren des riesigen Busbahnhofs ein Büro zu finden, in dem ich mein Ticket bezahlen könnte. Ich lief mehrere Male im Kreis und wurde von allen Informationszentren ohne Rat weitergeschickt, bis ich irgendwann auf gut Glück einen Mann ansprach, der in einer Ecke eines großen türkischen Stands saß mit einem Zettel voll dekorativer persischer Schriftzeichen, der lieblos hinter ihm an der Wand hing. Er sah kaum von seinem Computer auf und sagte mir abweisend, dass alle Busse nach Tabriz für die nächsten Tage ausgebucht seien. Ich versicherte ihm, dass ich eine telefonische Reservierung hatte, ohne im Entferntesten zu wissen, ob dies die Gesellschaft war, mit der ich telefoniert hatte. Stirnrunzelnd sagte er mir, wann genau ich bei dem vorherigen Abfahrtssteig sein müsse, um mein Ticket zu bezahlen. Immer noch ein bisschen verunsichert, aber schon wieder hoffnungsvoller machte ich mich jetzt auf den Weg in eins der Einkaufszentren Ankaras, um ein letztes Mal, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, westliches Fastfood zu essen. Ich war wie bereits ein Jahr vorher, als ich zum ersten Mal in Ankara war, erstaunt, wie modern diese Stadt ist und wie viele wohlhabende junge Leute in ihr unterwegs sind.

Ararat vom Bus aus gesehen

Als ich wieder nervös an dem Haltesteig ankam, fielen mir sofort mehrere sehr elegant gekleidete Frauen auf, im Gegensatz zu den meisten Türkinnen ohne Kopftuch, die am selben Steig warteten. Etwas später traf der Bus mit iranischem Kennzeichen ein und der Fahrer und seine Helfer händigten mir tatsächlich ein Ticket mit meinem Namen aus. Den ganzen Anfang der Fahrt über, an jeder Rast wurde ich von den Mitreisenden mehr oder weniger ignoriert. Es machte den Eindruck, als kannten sich alle untereinander. Anstatt des in der Türkei stets uniformierten Fahrgastbetreuers gab es in diesem Bus eine junge Frau mit wilden blonden Locken, die barfuß in Jogginghose fröhlich Snacks und Getränke verteilte. Die Fahr sollte insgesamt 32 Stunden dauern. Am nächsten Morgen beim längeren Frühstück an einer Tankstelle in der Nähe von Erzurum ging mir das türkische Geld aus und ich war so müde, dass ich auf der Weiterfahrt immer wieder eindöste und irgendwann mit halboffenen Augen in der glühenden Morgensonne den Ararat aus der anatolischen Steppe ragen sah. Zusätzlich stellte ich im Halbschlaf fest, dass alle Frauen plötzlich ein Kopftuch trugen, auch wenn die meisten es eher halbherzig, nur die Hälfte des Haares bedeckend, locker um die Schulter geschwungen hatten.

Über die türkisch-iranische Grenze

Ich wusste, dass die Grenze nicht weit sein konnte, und ich wurde immer aufgeregter und war bald hellwach. Von einer Sekunde auf die andere fand ich mich im Gespräch mit dem halben Bus. Sie mussten wohl die ganze Nacht gedacht haben, ich sei ein Tourist, der in den falschen Bus gestiegen war, oder ich würde sicher irgendwo in der Türkei aussteigen. Aber als ich ihnen versicherte, dass ich einen ganzen Monat lang nur den Iran bereisen würde, gab es kein Halten mehr. Mir wurde, unabhängig von den Englischkenntnissen der Mitreisenden, Persisch beigebracht, viele Ratschläge und Regeln wurden aufgeschrieben, E-Mail-Adressen, Telefonnummern und Angebote für Übernachtungen und alles, was mich in dem Moment noch ermutigen konnte, wirklich die Geborgenheit der Türkei zu verlassen, um einen Monat lang in einem Land zu verbringen, das in den westlichen Medien kaum negativer dargestellt werden könnte, dessen Sprache und Schrift ich nicht verstand, in das man als Tourist all sein benötigtes Geld bar mitbringen muss, da westliche Finanzsysteme aufgrund von Sanktionen nicht funktionieren, und in dem Männer keine kurzen Hosen in der Öffentlichkeit tragen dürfen. Einige wenige meiner ersten iranischen Bekannten konnten ein bisschen Englisch, die Azeris konnten ein bisschen Türkisch und auch die, mit denen ich keine gemeinsame Sprache sprach, zögerten nicht, mir mit Händen und Füßen und auf melodischem Persisch, dessen Klang ich so liebe, zu zeigen, wie geehrt sie sich fühlten, Misafir – Besuch – bei sich zu haben.

Auf der türkischen Seite der Grenze drängelten sich unglaublich viele Leute, alle ihr riesiges Gepäck hinter sich herschleifend, durch eine kleine Tür in das Grenzgebäude, in dem man durch mehrere Sicherheitskontrollen und schließlich eine Passkontrolle läuft. Danach kommt man an einem Duty-free-Shop vorbei, in dem ironischerweise hauptsächlich Alkohol verkauft wird, obwohl dessen Einfuhr in den Iran strafbar ist. Gleich hinter dem Laden kommt man ins Freie beziehungsweise ist man von einem Drahtkäfig umgeben, der den etwa 20 Meter langen Weg zum iranischen Grenzgebäude umfasst. Auf diesem kurzen Weg, von dem aus man deutlich den Stacheldraht und die Wachtürme sehen kann, die diesen engen Gebirgspass umgeben, wurde mir mehr als deutlich bewusst, dass es jetzt kein Zurück und kein Entkommen mehr gab: Ich würde gleich einem iranischen Grenzpolizisten gegenüberstehen, der mich vermutlich für einen Spion oder einen Passbetrüger halten würde, da mein türkischer Reisepass abgesehen von meinem Einreisestempel aus Istanbul komplett leer war.

Mit stark klopfendem Herzen wartete ich die drei Sekunden, die der Polizist brauchte, ohne zu zögern einen Stempel in meinen Pass zu setzen und mich in den nächsten Raum zu weisen. Ich konnte kaum fassen, wie einfach es war, und war dann nur noch ein kleines bisschen nervös, als ich an dem großen hufeisenförmigen Tisch stand, an dem alle anderen Reisenden ihre Koffer öffneten und in der Mitte drei weitere Polizisten mit langen Holzstäben Gepäckstücke zu sich zogen und sie durchsuchten und den Besitzern bissige Fragen stellten. Mit offenem Rucksack wartete ich darauf, dass ein Polizist vermutlich meine Kamera und meine Badehose konfiszieren würde, und versuchte, die Leute, die hinter der offenen Ausgangstür standen und mir zuriefen, Touristen werden nicht durchsucht, zu ignorieren. Bis der Polizist mir schließlich selber mitteilte, ich könne weitergehen, ohne dass er meine Sachen durchsuchen wollte.
Ich ging durch die Tür und fühlte mich sofort wie in einer anderen Welt. Die Autos, die vor dem Gebäude parkten, waren Fabrikate, von denen ich noch nie gehört hatte, die Schriftzeichen unleserlich für mich und der Blick durch den Pass auf das Tal zeigte mir in der etwas entfernten Ortschaft die erste Moschee in typisch schiitischer Bauweise, die ich je zu sehen bekam.

erste schiitische Moschee

Entgegen den ausdrücklichen Warnungen aus dem Internet, in einer Bank, vor allem an der Grenze, Geld umzutauschen, ließ ich mich übermüdet und überwältigt von der Tatsache, nun im Iran zu sein, von den vielen Taxifahrern und Touristenfängern, die wirklich alle mehr als überrascht waren, einen ausländischen Touristen zu sehen, in die kleine Bankfiliale im Grenzgebäude drängen, wo ich meine ersten komplizierten und verwirrenden iranischen Banknoten erhielt. Ich setzte mich vor die Tür und wartete auf die Leute aus meinem Bus, die sich an der Grenze wesentlich ausführlicheren Untersuchungen als ich aussetzen mussten. Sie erklärten mir, dass ich zu einem schlechten Kurs getauscht hatte, und fingen an, mich ins Geheimnis des iranischen Rial einzuweihen. Um die hohen Werte der Scheine zu vereinfachen, kürzt man den Rial mit einem Faktor von 10.000 auf Toman runter, was einem Außenstehenden zusätzlich dadurch erschwert wird, dass die errechnete Zahl von Iranern normalerweise aus dem Kontext heraus noch weiter auf eine Zahl unter 100 reduziert wird. Wenn man also nicht weiß, ob etwas umgerechnet zum Beispiel normalerweise 25 oder 2,5 Euro kosten sollte, bringt einem die Preisangabe nicht viel. Und zu dem Zeitpunkt wusste ich wirklich nichts über die Preise und bat meine geduldigen Helfer, mir geläufige Preise alltäglicher Waren aufzuschreiben, damit ich nicht komplett über den Tisch gezogen werden würde.

Sie schrieben mir noch andere nützliche persische Phrasen mit improvisierter Lautschrift auf und die Stimmung wurde auf der Weiterfahrt zunehmend heiterer und ausgelassener. Fast alle Reisenden klatschten und sangen nun zu den Liedern, die aus den Lautsprechern klangen, und man versuchte mir begeistert beizubringen, mit allen möglichen Teilen der Hand zu schnipsen, mit denen ich noch nie vorher jemanden schnipsen hören hatte! Im Gegensatz zur uns geläufigen Methode, an jeder Hand zwischen Mittelfinger und Daumen zu schnipsen, benutzen die Iraner normalerweise die Zeige- oder Mittelfinger beider Hände und können dabei erschreckend laut werden. Obwohl die Strecke von der Grenze nach Tabriz auf der Karte nicht allzu weit aussah und die iranischen Straßen in fantastischem Zustand sind, zog sich die Fahrt sehr hin und wir hielten am frühen Abend an einer Raststätte, an der ich mein erstes iranisches Abendessen zu mir nahm. Wir saßen in großer Runde und es kam mir vor wie eine Feierlichkeit. Auf der Einwegtischdecke wurden verschiedene Kebabs, Fladenbrote, Joghurt und Salat ausgebreitet sowie verschiedene Süßigkeiten. Wir tranken Tee, bevor wir die letzten paar Stunden, alle nun satt und etwas ruhiger werdend, durch die Dunkelheit in Richtung Tabriz weiterfuhren.

eine Pistazienart, die nur in Gilan nördlich des Kaspischen Meeres wächst

Von Tabriz nach Rasht

In dem Moment fing ich schon an, meine neuen Freunde zu vermissen, die mich so unter ihre Fittiche nahmen, und fragte mich, ob es mir nachts alleine in Tabriz auch gelingen würde, so nette Leute zu treffen. Ich hatte im Vorfeld versucht, über Couchsurfing einige iranische Gastgeber in verschiedenen Städten zu finden, und stand vor der Tatsache, dass mir die Tabrizer im Gegensatz zu Bewohnern der anderen Städte ausnahmslos Absagen erteilt hatten. Tabriz ist zudem die wohlhabendste Stadt des Irans und bekannt für eine etwas kältere Mentalität als der Rest des Iran, da die Einwohner zum Großteil Azeris sind. Der Bus verließ die Autobahn in Tabriz nicht und Mahan, eine Teheranerin, die am besten Englisch konnte und mir am meisten zu helfen versuchte, gab mich in die Obhut eines Mannes, der gar kein Englisch konnte, der aber offenbar auch in die Innenstadt von Tabriz musste. Wir verließen die Autobahn zu Fuß, über die Rampe in Fahrtrichtung laufend, was mich in allergrößte Panik versetzte, da einer der ersten Sätze meines Reiseführers lautet: „Wenn Sie etwas im Iran umbringen sollte, dann ist es nicht der Terrorismus, sondern der Verkehr.“ Wir gelangten trotzdem zum Busbahnhof, von wo aus wir uns ein Taxi teilten. Aufgrund der Sprachbarriere teilte mir der Mann irgendwann relativ unfeierlich mit, dass ich nun aussteigen sollte, und versuchte mir mehrmals auf Nachfragen zu versichern, dass dies der Meydan sei, der Hauptplatz der Stadt.

Die Straßen waren menschenleer, aber ich sah eins der Hotels, das ich aus dem Reiseführer kannte, und wusste daher wenigstens, dass ich wirklich auf dem Platz war, von dem aus ich meine Suche nach einer Unterkunft starten wollte. Das erste Hotel war voll. Das zweite, dritte und vierte auch. Im fünften wurde mir schließlich ein Zimmer für umgerechnet 40 Euro angeboten, was weit über dem Budget lag, das ich mir einen Monat lang für jeden Tag erlauben konnte. Ich sah zu dem Zeitpunkt um zwei Uhr nachts keine andere Wahl mehr und quartierte mich in dem Zimmer ein, froh, nach insgesamt über 45 Stunden, seit ich das Hostel in Kappadokien verlassen hatte, Zugang zu einer Dusche zu haben. Wie in fast allen iranischen Badezimmern war das ein Duschkopf, der mehr oder weniger mitten im Raum, über oder neben dem Plumpsklo hängt. Das Duschwasser läuft dann in einem Abfluss in der Mitte ab. Das Bett war steinhart, aber ich war dennoch froh, endlich zur Ruhe zu kommen, und beschloss, den ersten Abend als Erfolg zu verbuchen. Immerhin lag ich nicht in einem Park (was ich nach den ersten drei vollen Hotels befürchtet hatte).

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen lief ich die unmittelbare Umgebung des Hotels ab, einige der geschäftigsten Straßen umgaben mich und ich war beeindruckt, wie sauber und modern die Stadt war. Ich versuchte, ein paar Leute auf Türkisch zu fragen, wo ich ein Busticket kaufen könne, da ich budgettechnisch nicht noch eine Nacht in Tabriz verbringen konnte. Mir wurde zwar nicht viel geholfen, aber alle Leute, mit denen ich sprach, amüsierten sich über mein Istanboli, wie die Azeris, die ihre eigene Sprache Türkisch nennen, mein Türkisch bezeichneten. Sie verstanden mich besser als ich sie. Für mich klang das Azeri wie eine sehr langsame und ländliche Version des mir gewohnten Türkisch, aber die Leute waren auch hier alle ausgesprochen freundlich. Das einzige, was sie mir raten konnten, war, zurück zum Busbahnhof zu gehen. Da es noch frühmorgens war, beschloss ich, meine Sachen im Hotel zu lassen und die paar Stunden, bevor ich auschecken musste, zu nutzen, per Taxi zum Busbahnhof zu fahren, da ich mir beim besten Willen keinen öffentlichen Bus zutraute. Auch angekommen am Busbahnhof fühlte ich mich sehr verloren. Ich konnte keins der Schilder lesen und die Mitarbeiter, die ich an zufälligen Büros ansprach, waren alle relativ unfreundlich und nicht sehr hilfsbereit. Ich wollte nach Rasht, was nordöstlich von Tabriz am kaspischen Meer liegt, konnte aber keine Gesellschaft finden, die mir ein Ticket verkaufen wollte.

Mir gingen viele Zweifel durch den Kopf, warum hatte ich die Türkei überhaupt verlassen, wie sollte ich das einen Monat durchstehen mit dieser Sprachbarriere. Aus Verzweiflung heraus sprach ich einen Alleinreisenden in meinem Alter an, der vor einem der Kiosks gelangweilt auf sein Smartphone blickte. Er sprach zu meinem Entzücken etwas Englisch und war sehr überrascht und erfreut, dass ein Tourist ihn für ein Gespräch auserkoren hatte. Endlich hatte ich Glück. Es stellte sich heraus, dass er auf einen Bus nach Rasht wartete, es existierten also doch welche! Ohne mit der Wimper zu zucken marschierte er zu dem Verkaufsstand (der mich vorher abgewiesen hatte mit der Aussage, sie hätten keine Busse nach Rasht!), verschob seine Abfahrt auf den Nachmittag und kaufte mir auch ein Ticket, so dass wir zusammen meine Sachen aus dem Hotel holen konnten. Ich war mehr als dankbar für die Hilfsbereitschaft des jungen Ohveiz, der mir dann einiges von Tabriz zeigte: die blaue Kabud-Moschee sowie einige andere bedeutende Bauwerke der Stadt und den riesigen Bazar.

Bazar von Tabriz

Endlich (gut, im Nachhinein gesehen dauerte es nur ein paar Stunden, aber in der Situation dachte ich wirklich nur endlich) hatte ich wieder eine Perspektive, ich bekam eine tolle Führung durch diese wunderschöne Stadt und wir statteten dem Wohnheim des iranischen Hockeyteams einen Besuch ab, aus dem Ohveiz am Morgen nach einer Trainingswoche abgereist war.
Die Ankunft eines Ausländers löste bei den jungen Hockeyspielern helle Aufregung aus, alle umsprangen mich und versuchten mit dem bisschen Englisch, das sie konnten, auf mich einzureden, und Ohveiz war sichtlich stolz auf seine für iranische Verhältnisse blonde, blauäugige Begleitung. Nachdem wir zu Mittag gegessen hatten, begaben wir uns auf die 10-stündige Fahrt nach Rasht. Der Bus war zum Glück nicht ganz voll und ich schlief erstaunlich gut und wusste nicht genau, was mich in Rasht erwarten würde. Auf meine Frage, ob er mir helfen könne, ein billiges Hotel zu finden, antwortete Ohveiz seit unserer ersten Begegnung nur „dont worry. Ich fand mich schließlich, wieder mitten in der Nacht, in der Wohnung einer seiner Freunde, in der sich noch ungefähr zehn weitere ihrer Freunde befanden.

Es war die erste iranische Wohnung, die ich betrat, und angesichts der Tatsache, dass ein Student darin wohnte, war ich wirklich beeindruckt von ihrer Größe und dem Komfort.



Kommentare (3)

  • Ines

    01.07.2015 um 09:13 Uhr Antworten

    Genau der reiselustige junge Mann. :-)

  • Susi

    01.07.2015 um 07:20 Uhr Antworten

    Ist das nicht der junge Mann, der bereits Rumänien (??) bereiste??


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