Das halbe Pferd

Die Lügengeschichten des Baron von Münchhausen sind weltbekannt. Der Baron  hieß eigentlich Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen und lebte im 18. Jahrhundert. Unter anderem kämpfte er im so genannten Russisch-Österreichischen Türkenkrieg (1736–1739). Einige seiner Geschichten beziehen sich auf Erlebnisse in diesem Krieg.

Gottfried Franz - Munchhausen with a half-horse

Die unglaubliche Geschichte mit dem halben Pferd geht so:

Einst, als wir die Türken in Oczakow [Stadt in der heutigen Ukraine] hineintrieben, ging's bei der Avantgarde [Vorhut] sehr heiß her. Mein feuriger Litauer [Münchhausens Pferd] hätte mich beinahe in des Teufels Küche gebracht. Ich hatte einen ziemlich entfernten Vorposten und sah den Feind in einer Wolke von Staub gegen mich anrücken, wodurch ich wegen seiner wahren Anzahl und Absicht gänzlich in Ungewissheit blieb. Mich in eine ähnliche Wolke von Staub einzuhüllen, wäre freilich wohl ein Alltagspfiff gewesen, würde mich aber eben so wenig klüger gemacht als überhaupt der Absicht näher gebracht haben, warum ich vorausgeschickt war. Ich ließ daher meine Flanqueurs [Flügelsoldaten] zur Linken und Rechten auf beiden Flügeln sich zerstreuen und so viel Staub erregen, als sie nur immer konnten. Ich selbst aber ging gerade auf den Feind los, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. Dies gelang mir. Denn er stand und focht nur so lange, bis die Furcht vor meinen Flanqueurs ihn in Unordnung zurücktrieb. Nun war's Zeit, tapfer über ihn herzufallen. Wir zerstreuten ihn völlig, richteten eine gewaltige Niederlage an und trieben ihn nicht allein in seine Festung zu Loche, sondern auch durch und durch, ganz über und wider unsere blutgierigsten Erwartungen.

Weil nun mein Litauer so außerordentlich geschwind war, so war ich der Vorderste beim Nachsetzen, und da ich sah, dass der Feind so hübsch zum gegenseitigen Tor wieder hinausfloh, so hielt ich's für rahsam, auf dem Marktplatz anzuhalten und da zum Rendezvous blasen zu lassen. Ich hielt an, aber stellt euch, ihr Herren, mein Erstaunen vor, als ich weder Trompeter noch irgendeine lebendige Seele von meinen Husaren um mich sah. – „Sprengen sie etwa durch andere Straßen? Oder was ist aus ihnen geworden?“, dachte ich. Indessen konnten sie meiner Meinung nach unmöglich fern sein und mussten mich bald einholen. In dieser Erwartung ritt ich meinen atemlosen Litauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatz und ließ ihn trinken. Er soff ganz unmäßig und mit einem Heißdurst, der gar nicht zu löschen war. Allein das ging ganz natürlich zu. Denn als ich mich nach meinen Leuten umsah, was meint ihr wohl, ihr Herren, was ich da erblickte? – Der ganze hintere Teil des armen Tieres, Kreuz und Lenden waren fort und wie rein abgeschnitten. So lief denn hinten das Wasser ebenso wieder heraus, als es von vorn hineingekommen war, ohne dass es dem Gaul zugute kam oder ihn erfrischte. Wie das zugegangen sein mochte, blieb mir ein völliges Rätsel, bis ich zum Stadttor zurückritt. Da sah ich nun, dass man, als ich pêle mêle [durcheinander] mit dem fliehenden Feind hereingedrungen war, das Schutzgatter, ohne dass ich's wahrgenommen, fallen gelassen hatte, wodurch denn der hintere Teil, der noch zuckend an der Außenseite des Tores lag, rein abgeschlagen war. Der Verlust wäre unersetzlich gewesen, wenn nicht unser Schmid ein Mittel ausgesonnen hätte, beide Teile, solange sie noch warm waren, wieder zusammenzusetzen. Er heftete sie nämlich mit jungen Lorbeer-Sprösslingen, die gerade bei der Hand waren, zusammen. Die Wunde heilte zu; und es begab sich etwas, das nur einem so ruhmvollen Pferde begegnen konnte. Nämlich die Sprossen schlugen Wurzel in seinem Leib, wuchsen empor und wölbten eine Laube über mir, so dass ich hernach manchen ehrlichen Ritt im Schatten meiner sowohl als meines Rosses Lorbeern tun konnte.

Quelle: Gottfried August Bürger: Des Freyherrn von Münchhausen Wunderbare Reisen. London [Göttingen]: o. A. [Johann Christian Dieterich], 1786. Der Text wurde an die neue Rechtschreibung angepasst.

Bodenwerder-Münchhausen-Denkmal
Münchhausen-Denkmal in Bodenwerder.




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