50 Jahre Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei

von Zahide Özkan-Rashed

Rückblick einer Angehörigen der zweiten Generation

Als ehrenvolle Gäste wurde sie empfangen, die erste Generation der Gastarbeiter.
Der millionste Ankömmling wurde 1964 symbolisch mit einer feierlichen Zeremonie gewürdigt.

Das Anwerbeankommen zwischen Deutschland und der Türkei wurde am 30. Oktober 1961 abgeschlossen. Sechs Jahre davor, nämlich im Jahre 1955, war das Abkommen zwischen Deutschland und Italien unterzeichnet worden.

Deutschland brauchte die Gastarbeiter für den wirtschaftlichen Aufstieg. Sie waren willkommen. Aber ihre Existenz war zweckgebunden und begrenzt: Sie waren Gäste in der Funktion als Arbeiter.

Im Folgenden sollen anhand von einzelnen, mit fiktiven Namen versehenen Persönlichkeitsprofilen einige Grundzüge von Lebensbeispielen präsentiert werden. Eine Kategorisierung ist nicht beabsichtigt. dieses Vorgehen soll lediglich dazu dienen, Erscheinungsbildern eine gewisse menschliche Dimension zu geben. Keineswegs kann dabei der Anspruch auf Vollständigkeit und komplette Übertragbarkeit erhoben werden.

Ali war einer von denen, die für eine Arbeit in Deutschland angeworben wurden.

Land und Familie hatte er verlassen. Er war mittellos und entbehrte angesichts der knappen finanziellen Ressourcen seiner Eltern einer höheren beruflichen Qualifikation. Nun bot sich ihm die einmalige Chance, seine Situation zu verändern, vielleicht sogar zu Wohlstand zu gelangen. Seine Ziele waren auf die Heimat fixiert. Dort sollte das Haus gebaut werden, in dem er nach der Rückkehr wohnen würde. Dort sollte die Werkstatt entstehen, wo er später arbeiten würde.
Doch so schnell ließen sich die Wünsche nicht verwirklichen. Der Zeitpunkt der Rückkehr wurde hinausgeschoben. Es gab genug Arbeit, um die nicht mit Deutschen konkurriert werden musste.
Mit der Verlängerung des Aufenthalts in der Fremde wurde die Einsamkeit immer unerträglicher, wuchs die Sehnsucht nach den Lieben in der Heimat immer stärker an.
Warum sollte die Familie nicht um ihn herum sein? Mit ihr würde man das Leben in der Fremde viel besser ertragen. So holte er Frau und Kinder nach. Auch warb er bei weiteren Verwandten und Bekannten, die ebenfalls den Sprung ins kalte Wasser wagten.
Nach und nach entstand ein reges soziales Leben in einem neu entstandenen Gefüge, das auf heimatlichen Sitten und Gebräuchen sowie mehr oder weniger auf religiösen Ritualen aufgebaut war.
Private Kontakte zu deutschen Nachbarn kamen kaum zustande. Denn wie sollte man mit ihnen kommunizieren? Man konnte nur so viel Deutsch, dass man die Anweisungen am Arbeitsplatz verstand und das Nötigste einkaufen konnte.
In der Freizeit traf man sich mit anderen Türken, mit denen man das Schicksal des Ausländerseins teilte.
Man trank türkischen Tee, erzählte von der Heimat und dem Haus in der Türkei, das man zu bauen beabsichtigte. Besonders wichtig waren die gegenseitigen Besuche an den religiösen Festen. Da durften Baklava und anderes Gebäck nicht fehlen. Die Kinder freuten sich auf die Geldgeschenke, die sie erhielten, wenn sie als Geste des Respekts die Hand der Älteren küssten.
Auf diese Weise schuf man eine Art heimatliche Atmosphäre.
Durch die regen Kontakte untereinander konnten die eigenen Wurzeln gefestigt, die Tradition gewahrt und geschützt werden vor möglichen „Gefahren”, die in der urdeutschen Außenwelt ob der vermeintlich grenzenlosen sexuellen Freizügigkeit zu lauern schienen.
Auf die Idee, einen Deutschkurs zu besuchen, wäre Ali nicht gekommen.
Denn sein Leben in diesem Land war konzeptuell von der Überzeugung geleitet, dass es sich nur um ein oder zwei, vielleicht drei weitere Jahre handelte, die er hier verbringen würde. Warum sollte er Geld ausgeben für Deutschkurse, wo man doch jeden Pfenning brauchen konnte, um in das Projekt in der Heimat zu investieren?

Auf der deutschen Seite waren ebenfalls keine aktiven Bemühungen um interkulturelle Kommunikation.
Die Bezeichnung „Gastarbeiter” sagte viel aus: „Gäste” blieben nicht lang. Und „Arbeiter” hatten einen niedrigen sozialen Status. Es war besser, eine gewisse Distanz zu wahren, zumal diese Leute so anders waren.
Äußerlich waren sie erkennbar an ihrem Schnurrbart, Frauen an ihren teils bunten und langen Kleidern und ihrem Kopftuch. Sie konnten – wenn überhaupt – nur gebrochenes Deutsch, wohnten meist unter bescheidenen Verhältnissen in alten heruntergekommenen Häusern, traten in größeren Gruppen auf.
Das war das Erscheinungsbild der „Ausländer” oder der „Türken”.
War ein Landsmann krank, wurde er nie alleine gelassen. Zum Leidwesen eines deutschen Mitpatienten, der die unaufhörlichen Besucherscharen von Angehörigen, Bekannten und Freunden ertragen musste.

Als Gast wurden die Arbeiter nicht wirklich behandelt, die Bedeutung des Wortes wurde nur in ihrer zeitlichen Implikation verstanden.

Der gewahrte Abstand nährte Vorurteile von beiden Seiten.

Die Rückkehr verzögerte sich weiter. Die Kinder kamen in die Schule. Nun sollte auch der Schulabschluss noch in Deutschland erworben werden. So würden die Berufschancen nach der Rückkehr verbessert werden.

Die zweite Generation war herangewachsen. Es war an der Zeit, dass diese jungen Erwachsenen ihr eigenes Leben in die Hand nahmen. Aber wie und vor allem wo?

Ali und seine Familie hatten es nicht gemerkt, aber der Wandel war unaufhaltbar, insbesondere in den Köpfen der Kinder. Es waren soziale Strukturen entstanden, die mit Geist und Herz angehaucht waren. Denn wo Menschen leben, werden Gefühle wirksam, Denkprozesse kommen in Gang, Bindungen entstehen.

Die zwanghafte Heimatgebundenheit der Ziele ermöglichte keine sanfte Besinnung auf die Realität. Gerade diejenigen in der zweiten Generation, die sich geistig stärker auseinandersetzten mit den unterschiedlichen Auffassungen und Lebenssituationen, die veraltete Ansichten, verhärtete Wertemaßstäbe hinterfragten, hatten es schwer, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Es galt, für sich die richtige Balance zwischen den divergenten Lebenswirklichkeiten zu finden. Wie viel lief parallel, wie viel berührte und veränderte sich, was lief auseinander?

Fatma gehörte zu der Gruppe, die für sich entschied, die traditionell geprägte Weltanschauung ihrer Eltern anzunehmen. Sie heiratete nach deren Vorstellungen. Ihren Mann lernte sie erst später kennen, nachdem seine Familie bei ihren Eltern um ihre Hand angehalten hatte. Für sie war der enge Kontakt zu ihrer Familie wichtig. Sie fühlte sich geborgen in der traditionell geprägten Binnenwelt. Für private Interaktionen mit ihrer Außenwelt öffnete sie sich nur begrenzt.
Bei dieser Lebensweise lief das Überwiegende „parallel” zur deutschen Gesellschaft.

Neriman öffnete sich stärker nach außen. Dank ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau war sie in die Berufswelt eingetreten. Sie war tagtäglich mit Ursprungsdeutschen in Kontakt. Ab und zu traf sie sich mit ihren Arbeitskollegen privat. Sie verstand sich gut mit ihnen und war anerkannt.
Doch war ihr Privatleben mehr oder weniger bestimmt von den traditionellen Sitten und Gebräuchen, wie sie ihr vermittelt wurden. Sie geriet kaum in einen Zwiespalt mit den regulierenden Moralvorstellungen ihrer Eltern und dem vermeintlich der westlichen Welt anhaftenden Freiheitsdrang.

Ihre Freundin Meryem stand zu ihrem Kopftuch. Dieses war mehr als nur ein Symbol des Andersartigen. Es war einfach ein Teil ihrer Person. Sie versuchte, Tradition und Religion als festen Bestandteil ihrer Identität nach außen zu tragen und fügte sich damit in die gesellschaftlichen Strukturen ein. Auch sie wurde in ihrem Umfeld akzeptiert. Anlass zu Konflikten gab es immer wieder mal, doch sie lernte damit umzugehen.

Wieder andere verlagerten das Gewicht mehr zur Außenwelt und hegten nur eine lose Verbindung zu der Binnenwelt ihrer Eltern.

Nurten hatte eine kritische Sichtweise gegenüber den unverrückbaren Wertmaßstäben und auferlegten idealisierten Pflichten, denen sie zuhause gegenüberstand. Sie konnte gewisse Vorgaben nicht unreflektiert annehmen und enttabuisierte oftmals scheinbar religiös begründete Moralstandards und indoktrinierte Inhalte, wie sie von der Generation ihrer Eltern und von vermeintlichen Vertretern der Religion vermittelt wurden.
Es war ein harter Kampf für sie und ihre Eltern. Tabus wurden gebrochen. So manche Ansichten und Wunschvorstellungen, die für die eine Partei von essentieller Bedeutung, quasi sinngebend waren, wurden in Frage gestellt. Eine Welt voller Träume, für deren Erfüllung die Kinder als tragende Säulen unentbehrlich waren, brach in sich zusammen. Es war schmerzhaft für beide Seiten.
Zum Glück gelang es nicht selten, sich zu befrieden in einem Konsens oder im Zuge der Zeit, die einen natürlichen Heilungsprozess nach dem Motto „Zeit heilt Wunden” ermöglichte.
Erfreulich war es, wenn die Liebe siegte, wenn die spirituell-emotionelle Bindung der Eltern-Kind-Beziehung über den Schmerz und die Enttäuschung hinweghalf.

Aber leider gab es auch oft genug traurige Ausgänge.

Lediglich wenige Lebenswege, stark vereinfacht und schematisiert, wurden in diesem Artikel wiedergegeben.  Den einzelnen Individuen wird man selbstverständlich nicht gerecht, wenn man sie in kollektive Raster einordnet.

Alle hier kurz skizzierten Portraits haben eins gemeinsam: man musste sich immer wieder erklären. Und man musste kämpfen an zwei Fronten.
In der türkischen Gemeinschaft verteidigte man die Deutschen, in der deutschen Gesellschaft die Türken jeweils gegenüber den gehegten Vorurteilen und Vorbehalten.

Und die erste Generation?
Nur wenige investierten für eine Zukunft in Deutschland. Diejenigen, die sich ein Haus oder Wohnung in Deutschland kauften, sich vielleicht einen Schrebergarten zulegten, haben ihre Verbindung zu Deutschland aufrechterhalten. Zwar sind die Urlaube in der Türkei seit der Berentung länger, doch möchten sie nach einer gewissen Verweildauer wieder gerne nach Deutschland zurück.

Andere, die zu lange auf die Rückkehr gesetzt haben, verbringen immer mehr Zeit im Land ihrer Herkunft. Deutschland wird ihnen wieder fremder, ihre Kontakte immer weniger, ihr Deutsch immer schlechter. Das Einzige, was sie noch in Deutschland hält, sind ihre Kinder und Enkelkinder, von denen die meisten sich mehr deutsch als türkisch fühlen. 
Auch gesundheitliche Belange sind ein Grund, weswegen die Mitglieder der ersten Generation in Abständen ihre Ärzte in Deutschland aufsuchen. Dieser Aspekt ist jedoch nicht mehr entscheidend ist, da in der Türkei das Niveau der ärztlichen Versorgung und insbesondere der Zugang zur modernen qualifizierten Medizin stetig besser wird.

Der Empfang türkischer Fernsehsender sorgt für die Aufrechterhaltung der Verbindung zum Ursprungsland.
Sogar die Türkischkenntnisse der hier aufgewachsenen, meist sogar hier geborenen Kinder scheinen wieder etwas besser zu werden, seit es türkisches Fernsehen gibt.

Hat die erste Generation ihren Platz in ihrer ursprünglichen Heimat gefunden?
Früher waren sie die „Deutschländer”, die man beneidete um das Glück, das ihr Schicksal scheinbar zum Positiven gewendet hatte. Denn sie kamen an in eindrucksvollen Autos, brachten große Geschenke und leckere Schokolade mit. Man sah, wie ihr im Bau befindliches Haus immer weiter in die Höhe schoss.
Dass sie in der Fremde unter äußerst einfachen Verhältnissen hausten und sich mit Schnäppchenware bei Schlussverkäufen einkleideten, ihre kleine und anfangs oft nicht beheizte Wohnung mit gebrauchten Möbeln einrichteten, das wussten die Menschen in der alten Heimat nicht.

Ja, die Deutschländer von damals haben heute ihre Attraktivität verloren. Die Türken in der Türkei und das Land selbst haben sich rasant weiterentwickelt, geistig-kulturell wie wirtschaftlich-materiell. Die Deutschländer wurden in ihrer Wertigkeit herabgestuft, teilweise sogar unter die ursprüngliche Ausgangsposition. Oft genug wurden sie sowieso Zielscheibe für Aggressionen der gebildeten Schicht der Türken, da sie sich nicht durch ihre Landsleute in Deutschland repräsentiert sahen. Sie fanden, dass sie ein falsches Bild boten, ihren Ruf verunglimpften. 

In Deutschland die Ausländer, in der Türkei die Deutschländer, das prägt auch den Geisteszustand der Betroffenen. Nicht hier, nicht dort, oder hier und dort zugleich. Das strengt an, fordert heraus. Es ist aber auch eine Chance, die gerade in der Zeit der Globalisierung bereichert.

Es wäre verkehrt, wenn man nur negative Nachrichten und Verläufe zur Kenntnis nimmt.

50 Jahre Türken in Deutschland haben ohne Zweifel zahlreiche positive Entwicklungen und Veränderungen mit sich gebracht. Man denke an die türkischen Lebensmittelläden, die Döner-Buden, die türkischen À-la-carte-Restaurants. Änderungsschneidereien werden nahezu mehrheitlich von Türken geführt. Viele kennen die türkische Gastfreundschaft als Türkei-Urlauber.

Mittlerweile sind erfolgreiche Deutsche mit Migrantenhintergrund in jeder Position anzutreffen. Darunter viele Unternehmer, die die wirtschaftliche und kulturelle Landschaft des Landes mitprägen. Ihr Dienst steht allen in diesem Land zur Verfügung.

Ebenso stammen namhafte und weniger bekannte, jedoch nicht minder wichtige Politiker aus Einwandererfamilien.

Heute stört sich kaum noch jemand an dem Kopftuch, das vereinzelt sogar junge Mädchen in Schulen tragen.
Es muss zwar nicht unbedingt ein enger Kontakt mit den Türken der ersten Generation, mittlerweile im mittleren oder höheren Alter befindlich, hergestellt werden, doch geht man nicht mehr extra auf Distanz.

Keine Frage: es ist viel Gewöhnung dabei. Sicherlich zudem Ernüchterung darüber, dass keine wirkliche Gefahr droht, wenn nicht gerade Politiker, die im Kampf um Wählerstimmen jede moralische Hürde erklimmen würden, sowie andere Publicity-süchtige Prominente Ängste schüren.
Durchaus würden kritische Äußerungen eine konstruktive Diskussionsbasis über das Phänomen der Zuwanderung und der Integration bieten,  aber nicht, wenn eine Integrationsunfähigkeit von bestimmten Personengruppen oder Religionsgemeinschaften postuliert wird. Wie kann man diskutieren, wenn sogar teils genetisch begründete oder andere kaum veränderbare Determinanten in diesem Zusammenhang ins Gespräch gebracht werden? Wie kann man Probleme im Zusammenleben thematisieren und gemeinsam nach Lösungen suchen, wenn die Grundlage für gegenseitigen Respekt durch diffamierende, oft auf Halbwissen beruhende Behauptungen entzogen wird?

An dieser Stelle gilt es denjenigen Menschen zu danken, ohne deren Empathie und Engagement das Phänomen der Einwanderung keinen konstruktiven Niederschlag in der Gesellschaft gefunden hätte. Ihr Beitrag zur Förderung der Integration hat unermessliche Bedeutung. 
Wie wäre die Entwicklung verlaufen ohne den selbstlosen Einsatz so vieler Ursprungsdeutschen, die den Lebensweg von manchen hilflosen Migranten in positive Bahnen gelenkt haben?
All die bedeutenden Personen, die spontan bereit waren, etwas von sich zu geben, aber auch den Einwanderern als Mensch in Augenhöhe gegenübertraten. Sie trugen zur gegenseitigen kulturellen und geistigen Bereicherung bei. 
In keiner Weise zu unterschätzen sind die sozialen Einrichtungen, die nicht nur finanzielle Hilfe boten, sondern auch für viele den Weg ebneten für die aktive sozio-ökonomische Teilhabe an der deutschen Gesellschaft.

Doch es ist noch Einiges zu tun für eine Gesellschaft, die in der Multikulturalität keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung sieht, die in der Begegnung viel mehr Gemeinsames als Trennendes erkennt.
Erst eine solche Überzeugung kann die Bemühungen hin zu einer offenen und gerechten Welt lenken. 




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