Türkische Märchen

Wir kennen Märchen heute vor allem aus Büchern – und in ungezählten medialen Umsetzungen. Dabei wurde Märchen traditionell erzählt und mündlich weitergegeben. Grimms Märchen ebenso wie viele andere Märchensammlungen liegen mündlich überlieferte Märchen zugrunde. Die erste Sammlung deutscher Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm erschien 1812. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts waren türkische Märchen in Europa kaum bekannt, bis erste Wissenschaftler sich für das Thema Märchen in der Türkei zu interessieren begannen.

Die Unkenntnis der alten Geschichten beschränkte sich nicht auf Europa: Auch im Osmanischen Reich interessierten sich Gebildete lange Zeit nicht für volkstümliche Überlieferungen, die kaum etwas mit der klassischen persischen und arabischen Literatur verband, an der sich die osmanische Elite orientierte. Diese Einstellung änderte sich erst, als die Türkei zur Republik wurde. Seither werden volkstümliche Erzählungen und Märchen gesammelt, veröffentlicht und untersucht.

Heute besteht eher das Problem, unter den vielen Zusammenstellungen und Übersetzungen türkischer Märchen geeignete Bücher herauszusuchen. Einig sind sich Wissenschaftler heute darüber, dass die Stoffe der türkischen Märchen eine Brücke zwischen Ost und West bilden, denn Erzählstoffe waren nie statisch. Elemente der Märchen wurden aufgengenommen, weitergegeben, in neuen Zusammenhang gestellt: eine sehr lebendige Volksliteratur, an deren mündlicher Verbreitung die traditionellen Märchenerzähler einen sehr wichtigen Anteil hatten.

Einen guten Eindruck über die Vielfalt der türkischen Märchen gibt die Sammlung, deren Herausgeber der Orientalist Otto Spies ist: Türkische Volksmärchen* (einige Seiten aus dieser Märchensammlung zeigt das Bild oben).

Zentrale Figuren der Märchen sind meist der Herrscher (Padischah) und sein Sohn (der Prinz), der auszieht, um seine Liebste zu erobern, wobei viele Aufgaben gelöst werden müssen. Auch gute und böse Geister spielen eine wichtige Rolle. Das Gute siegt in der Regel, das Streben nach Liebe und Reichtum durchzieht viele Geschichten. Dabei gewinnt am Ende nicht unbedingt der Klügste und Schönste, wie das Beispiel des glatzköpfigen Keloğlan zeigt, der volkstümlicher Held vieler Märchenerzählungen ist.

Eine deutsche Erzählerin orientalischer Märchen gab es übrigens auch, aber das ist eine andere Geschichte, über die wir hier berichten: Eine deutsche Märchenerzaehlerin.

Es war einmal, so beginnen deutsche Märchen meist. Türkische Märchen beginnen ganz unterschiedlich: Bir varmış, bir yokmuş ... Evvel zaman içinde, kalbur saman içinde ...

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Zukunft und Vergangenheit

Normalerweise konzentriert sich die Kategorie 1001 Nacht auf Literaturklassiker aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis. Heute aber legen wir Ihnen die Lektüre der Werke eines englischen Muttersprachlers ans Herz. 

Geboren wurde Eric Arthur Blair 1903 in Indien, damals Teil des britischen Kolonialreichs. In den 1920er Jahren war er britischer Beamter in Birma, dem heutigen Myanmar. Als Schriftsteller berühmt und unvergessen wurde Eric Arthur Blair unter dem Namen George Orwell. 1945 schrieb er "Farm der Tiere" (Originaltitel: Animal Farm), 1949 erschien "1984". In beiden Romanen setzt sich George Orwell mit dem sowjetischen Kommunismus und den Gefahren totalitärer Staaten auseinander.

Die Welt mag heute anders aussehen als zu der Zeit, als Orwell seine Werke verfasste und Totalitarismus mag heute von anderen Seiten drohen als kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs. Auseinandersetzen müssen wir uns mit totalitären Gedanken auch heute. In unserer vom Internet bestimmten internationalen Welt kann es keine Option sein, sich Scheuklappen aufzusetzen und so zu tun, als könnten wir das Rad der Geschichte in nationale Grenzen zurückdrehen.

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Reisen ans Ende der Welt: Ibn Battuta

Ibn Battuta bereiste im 14. Jahrhundert die Welt und hielt seine teils abenteuerlichen Reiseerlebnisse in seinem Werk „Rihla“ (= Reise) schriftlich fest. Obwohl man ihm, ebenso wie seinem europäischen Pendant Marco Polo, oftmals eine lebhafte Fantasie bescheinigt und nicht gesichert ist, was den Tatsachen entspricht und was schriftstellerischer Fantasie entspringt, so gilt Ibn Battuta doch als einer der bekanntesten muslimischen Reisenden vergangener Jahrhunderte. Geboren wurde er 1304 in Marokko, in Marokko auch starb er, als mögliche Todesjahre gelten 1368 und 1377. 

Zu seiner ersten Reise, der muslimischen Pilgerfahrt Hadsch, brach er mit 21 Jahren auf. Weitere Reisen schlossen sich unmittelbar an, insgesamt legte er wohl mehr als 120.000 Kilometer zurück. Eine Übersichtskarte auf tarihvemedeniyet.org zeigt die Ausdehnung seiner Reisen vom westlichen Afrika bis China.

Handmade oil painting reproduction of Ibn Battuta in Egypt, a painting by Hippolyte Leon Benett.

Das Bild oben zeigt Ibn Battuta in Ägypten, eine Illustration von Leon Benett aus „Les grands voyages es les grands voyageurs“ von Jules Verne (1878).

Der deutsche Journalist Erich Follath hat sich nun ebenfalls auf eine Reise begeben und zwölf der Orte bereist, die auch Ibn Battuta seinerzeit besuchte. Seine Eindrücke von den heutigen Umbrüchen der islamischen Welt schildert er in dem SPIEGEL-Buch Jenseits aller Grenzen. Auf den Spuren des großen Abenteurers Ibn Battuta durch die Welt des Islam*. 

Das Bild unten zeigt eine Schautafel in der nach dem großen Reisenden benannten Ibn Battuta Mall in Dubai.

Ibn Battuta Mall on 2 June 2007 Pict 9

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Die Poesie der Liebe

Minnesänger, Troubadoure, höfische Liebe – das sind Begriffe, die wir mit mittelalterlicher europäischer Liebesdichtung verbinden. Weniger bekannt sind die Querverbindungen der hohen Kunst der Liebe zur arabischen Literatur und Kultur jener Zeit, wobei die Liebe meist als Verehrung einer vornehmen Dame zu verstehen ist. 

Als Troubadour zum Beispiel bezeichnete man Dichter und Vortragende von Liedern an mittelalterlichen Fürstenhöfen. Einigen Deutungen zufolge könnte das Wort zusammenhängen mit dem arabischen Wort ṭaraba (طرب), das so viel bedeutet wie singen. Auch wenn diese Herleitung des Worts Troubadour umstritten ist, so steht fest, dass das Musikinstrument Laute seinen Ursprung im arabischen Wort al-ʿūd (العود) hat, das so viel bedeutet wie Holz, was sich auf den oft hölzernen Korpus des Saiteninstruments bezieht.

Troubadours berlin

Mag es in der arabischen Welt der mittelalterlichen Fürstenhöfe auch keine Minnesänger gegeben haben, so lassen sich doch arabische Einflüsse auf die europäische Minnekunst nachweisen. Sie gelangten über das maurisch-andalusische Spanien nach Südfrankreich verbreiteten sich von den provenzalischen Höfen ins übrige Europa weiter. Denn Liebe ist nicht nur romantisch und oft schmerzlich, sie ist vor allem zeitlos und allen Menschen und Kulturen zu eigen. Lassen wir Ibn Hazm al-Andalusi zu Wort kommen, den berühmten arabischen Gelehrten, der von 993 bis 1064 in Cordoba lebte und nicht nur Religionshistoriker und Wesir des Kalifen von Cordoba war, sondern auch als Verfasser von Liebesdichtung („Das Halsband der Taube über die Liebe und die Liebenden“) im Gedächtnis blieb:

„Die Liebe ist eine unheilbare Krankheit. Aber wer von ihr befallen ist, verlangt nicht nach Genesung, und wer daran leidet, will nicht gesunden.“ (Quelle)

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Laila und Madschnun

Qais und Laila sind eigentlich die Namen der beiden Liebenden, die doch gar nicht in Liebe zueinander finden dürfen. Aus Verzweiflung darüber, dass seine Liebe zu Laila unerfüllt bleibt, weil ihre Eltern gegen die Verbindung sind, wird Qais schließlich verrückt, er wird zu „Madschnūn Lailā“, dem von Laila Besessenen, und wird nie mehr von seiner unerfüllten Sehnsucht geheilt.

Die Geschichte von Laila und Madschnun ist wohl die im Nahen und Mittleren Osten am meisten verbreitete Erzählung einer unglücklichen Liebe. Die Erzählung ist wahrscheinlich arabischen Ursprungs, aber der Laila-Madschnun-Stoff wurde in vielen Sprachen des Vorderen Orients aufgegriffen. Besonders bekannt wurden persische Versionen der Geschichte um Laila und Madschnun. Kein Geringerer als der berühmte persische Dichter des 12. Jahrhunderts, Nizami, verfasste die wohl bekannteste Version von „Laila und Madschnun“.

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